von Thorsten

Der Transalpine Run (TAR) ist eines der legendärsten Trailrunning-Etappenrennen. Seit 2005 fordert er Jahr für Jahr Athleten aus der ganzen Welt heraus. Auf wechselnden Strecken geht es in sieben Etappen von Norden nach Süden über die Alpen. Jede Etappe offenbart neue Gipfel, neue Landschaften und neue Bedingungen, von hohen Bergpässen bis zu abgelegenen alpinen Tälern. Jeden Tag wartet eine neue Herausforderung. Bis vor ein paar Jahren musste man zwingend im Zweierteam laufen, erst seit Kurzem ist auch der Start als Solo-Läufer möglich.

In diesem Jahr führte der Transalpine Run komplett durch die Schweiz. Der Start war in Lenzerheide, und der epische Zieleinlauf sollte am Ufer des Lago Maggiore stattfinden.

Die Vorbereitung

Seit 2017 betreibe ich kontinuierlich Ausdauersport, ohne größere Verletzungs- und Krankheitspausen. In jedem Jahr habe ich einen Wettkampf in den Bergen absolviert, und ich war gut trainiert. Einen Etappenlauf hatte ich jedoch noch nie gemacht. Warum also warten? Und so meldete ich mich Ende 2025 zum TAR an.

Die direkte Vorbereitung nahm viel Zeit in Anspruch. Die Trainingsumfänge blieben zwar ähnlich, wurden aber spezifischer, zum Beispiel mit Wandern in der Gewichtsweste. Das Drumherum war jedoch komplex: Ich überdachte meine Verpflegungsstrategie, testete die Wettkampfernährung, vereinbarte einen Arzttermin und ließ mein Blut untersuchen. Dazu kamen viele Überlegungen, Recherchen und Entscheidungen: Wie funktioniert die Regeneration nach jeder Etappe am besten? Was esse ich nach den Etappen? Was bietet der Veranstalter an? Außerdem testete ich Schuhe und kaufte neue (es wurden am Ende drei Paar), wählte neue Wanderstöcke aus, tauschte meine Laufweste und telefonierte mit ehemaligen Teilnehmern. Und welche Notfallmedikamente gehören in die Reiseapotheke?

Sehr zeitaufwendig war außerdem die Planung der Übernachtungen. Der Veranstalter bot zwar Schlafplätze in Sporthallen an, doch wer dieses Projekt mit einem gewissen sportlichen Ehrgeiz angeht, wählt diese Option nicht. Man braucht Ruhe zur Erholung sowie Zugriff auf die eigene Verpflegung und das eigene Equipment. Alternativ hätte ich über einen Reiseveranstalter Hotels mit Shuttleservice zum Start und vom Ziel buchen können, in der Schweiz jedoch unbezahlbar. Blieb also die Option Campingplatz. Nur: Wo gibt es passende Plätze, und wie kommt man zum Start und danach wieder vom Ziel weg? Ich brauchte zwingend eine Unterstützungscrew. Aber wer sollte das sein? Und in welcher „Unterkunft“? Täglich ein Zelt auf- und abbauen? Einen Wohnwagen leihen? Einen Camper mieten? Und mit welchem Auto fahre ich überhaupt?

Viele dieser Gedankenspiele kreisten in den letzten Monaten um den TAR. Hinzu kamen zwei Trainingslager: im Juni eine Woche in Mittenwald und im Juli eine Woche in der Schweiz, wo ich schon einige Abschnitte des TAR gelaufen bin.

Fazit: Anmelden, hinfahren, laufen, ankommen – so einfach geht der Transalpine Run dann doch nicht. Es war ein recht großes Projekt, das strukturiert gemanagt werden wollte.

Das Abenteuer beginnt

Dienstag, 25.08.2026: Abreise

Brokser Markt: Ich war in diesem Jahr nicht dabei, sondern startete Richtung Schweiz. Aber wie? Das „Unmögliche“ begann schon jetzt, denn mit mussten:

  • alle Lebensmittel für die geplanten zwei Wochen Schweiz, für die Supporter-Crew und für mich,
  • die komplette Wettkampfausrüstung mit Reserve für alle Wetterlagen, von Dauerregen über Schneetreiben bis extreme Hitze,
  • Getränke, darunter alkoholfreies Bier für mich und Bier mit Alkohol für die Unterstützer,
  • Matratze, Decken und Daunenkopfkissen für mich, Zelt und Luftmatratze für die Crew,
  • eine 70-Liter-Kompressorkühlbox,
  • drei Stühle, ein Tisch und das Campingequipment (zwei Induktionsplatten, Wasserkocher, Töpfe, Pfanne, Teller, Besteck, Tassen),
  • Überbrückungskabel und Kabeltrommel,
  • Klettergurte, Helm und Wanderrucksack für die Urlaubstage nach dem TAR,
  • und natürlich das Dachzelt.

Und wo bekam ich das alles unter? In meinem 1er BMW! Eine Dachbox gab es nicht, denn auf dem Dach saß schon das Dachzelt. Ein paar Gläser Bolognese-Soße mussten zwar in der Heimat bleiben, alles andere hatte ich verstaut.

Um 22 Uhr holte ich Larus ab. Er war gerade von einem halbjährigen Neuseeland- und Asien-Trip zurückgekehrt und wartete auf seinen Studienstart in Heidelberg. Abwechselnd am Steuer, kamen wir zu zweit problemlos in der Schweiz an.

Mittwoch, 26.08.2026: Ankunft in Lenzerheide

Der Campingplatz war schön und lag fußläufig zum Eventgelände und zum Start der ersten und zweiten Etappe. An diesem Tag hieß es nur: Luft holen und ankommen. Das Wetter war sommerlich. Bei mir herrschte totale Nervosität, die übrigens noch länger bleiben sollte. Larus’ Begleitung war fast überlebenswichtig. Allein mit meinen Gedanken? Ich weiß gar nicht, wie ich das geschafft hätte. Wir drehten eine lockere Laufrunde zu zweit, und ich achtete auf viel Trinken, Elektrolyte und gutes Essen. Erste Bekanntschaften wurden geknüpft. Im Dachzelt schlief ich gut.

Donnerstag, 27.08.2026: Startnummer und Briefing

Am Morgen gab es eine kurze Laufrunde, dann Pause. Danach holte ich meine Startnummer ab, und die Pflichtausrüstung wurde kontrolliert. Das lief stressfrei, trotzdem blieb meine ungewohnte Nervosität. Ich trank, aß und prüfte den Wetterbericht. Die Prognose war nicht gut: wechselhaft, bedeckt, hohe Regenwahrscheinlichkeit, Gewitterneigung. Ich legte alle Klamotten bereit, dazu Trinkflaschen, Gels und Regenjacke.

Um 18 Uhr war die Eröffnungsfeier. Was waren das für besondere Menschen, die hier zusammenkamen? Die Stimmung war energiegeladen, zuversichtlich und positiv. Rund 500 Teilnehmer und viele Begleiter waren dabei. Langsam kam der TAR-Spirit auch bei mir an. Es folgten Pastaparty und Wettkampfbriefing: „Aufgrund starker Gewitterwarnung wird die erste Etappe auf 20 km gekürzt.“ Es wäre überheblich gewesen, jetzt „Schade“ zu sagen, denn es lagen noch genug Kilometer vor uns. Außerdem musste Larus am nächsten Tag wieder nach Hause, und durch die verkürzte Strecke konnte er mich sogar noch im Ziel empfangen. Also: alles super. Um 21 Uhr lag ich im „Bett“.

Und dann ist es so weit.

Etappe 1 (Freitag, 28.08.2026) – ein guter Beginn

Rundkurs um Lenzerheide, verkürzt auf 19 km, 1.275 Höhenmeter rauf und runter

Um 6 Uhr stehe ich auf. Zum Glück regnet es noch nicht. Zum Frühstück gibt es Toast mit Quark und Marmelade, dazu Kaffee. Mein Magen fühlt sich ziemlich flau an. Der Gang zum Start verläuft stressfrei. Ungewohnt für mich: Ich texte Larus ziemlich voll, sonst bin ich eher still.

Dunkle Wolken ziehen auf, dann setzt leichter Regen ein. Um 8 Uhr fällt der Startschuss, und die Nervosität ist wie weggeblasen. Ich spüre nur noch Freude. Ich lächle, bin erfüllt und dankbar. Bis hierhin hat alles mehr als super geklappt. Etwas Angst schwingt dennoch mit: Anders als bei allen meinen bisherigen Rennen ist es heute noch nicht vorbei, denn sechs weitere Tage liegen vor mir.

Das Gewitter zieht vorbei. Am Berg gibt es starke Sturmböen, die aber nicht wirklich schlimm sind. Meine Beine sind kraftvoll, der Downhill macht Spaß. Ich laufe kontrolliert und vernünftig und erinnere mich an die wichtigen Worte: „Hinten ist die Ente fett.“ Um 10:30 Uhr bin ich schon im Ziel 😉. Larus begrüßt mich.

Ergebnis: 19 km, 1.275 Höhenmeter, 2:17:47 Stunden, Platz 7 in der Altersklasse (von 43), Gesamtplatz 44 von 271 Teilnehmenden. Ein guter Beginn.

Larus fährt mit dem Zug zurück nach Verden, ich ruhe mich aus. Um 18 Uhr gibt es das TAR-Dinner mit allen Läufern. Es entstehen kurzweilige Gespräche. Vor dem nächsten Tag meldet sich die Nervosität zurück: Wie wird es mir gehen?

Etappe 2 (Samstag, 29.08.2026) – ein sehr langer Tag, zu vorsichtig?

Lenzerheide – Ilanz, 51 km, 1.995 Höhenmeter rauf, 2.760 Höhenmeter runter

Die zweite Etappe ist mit 51 km die längste und für mich auch eine sehr schwierige, da sie einen sehr, sehr langen Downhill enthält. Der Start ist schon um 6 Uhr, also stehe ich um 4:30 Uhr auf. Nachts hat es viel geregnet, jetzt nieselt es nur noch leicht. Ich bin etwas unorganisiert: Wie geplant muss ich alle Klamotten zusammenpacken und das Auto umparken. Dann gehe ich locker zum Start, und die Anspannung legt sich. Die Wetteraussichten sind jetzt top. Es wird hell, die Sonne kommt heraus, und ich freue mich auf den Lauf.

Muskelkater! Er sitzt in den Oberschenkeln, und zwar nicht zu knapp. Nach einiger Zeit merke ich davon aber nichts mehr. Die Strecke ist traumhaft, und schnell sind wir auf der Passhöhe. Dann kommt der extrem lange Downhill. Ich versuche, Kraft zu sparen, und nehme deutlich Tempo raus. Mein Ziel für den gesamten TAR ist ja nur das Finish. Mehr als Ankommen? Nein. Durchhalten. Sieben Tage lang durchhalten. Um Platzierungen und Zeiten geht es mir bei diesem Wettkampf nicht. Mit meiner geringen Bergerfahrung wären andere Ziele ziemlich überheblich gewesen. Am Ende des Downhills folgt noch eine lange, flache Passage. Meine Beine fühlen sich an wie Blei 😉.

Ergebnis: 51 km, 1.995 Höhenmeter, 6:50:49 Stunden, Platz 13 in der Altersklasse, Gesamtplatz 84 von 261 Teilnehmenden.

Im Ziel laufen die Routinen identisch ab: Zuerst trinke ich einen Recovery-Shake aus meinem Dropbag, dann einen Mineralstoffdrink und danach Kohlenhydrate, heute Risotto mit Käse. Es folgen Blackroll, Massagepistole und Duschen, dann schmiere ich die Oberschenkel mit Pferdesalbe ein. Ausruhen. Anschließend fahre ich mit dem Shuttlebus zurück nach Lenzerheide. Die Fahrt dauert 1,5 Stunden. Es gibt gute Gespräche und eine tolle, überschwängliche, euphorische Stimmung bei allen Fahrgästen und bei mir. In Lenzerheide setze ich mich ins Auto und fahre weitere 1,5 Stunden zum nächsten Campingplatz, zwischendurch gibt es noch einen Burger mit Pommes.

Abends komme ich auf dem Campingplatz an. Er ist unfassbar schön: ein See, eine Hochzeit mit Livemusik, die man bis weit nach Mitternacht hört (das stört nicht). Ich treffe viele „Bekannte“ wieder, darunter Nick und Kaspar, mit denen ich mich ausgiebig austausche. Zu ihrer Crew gehören ein eigener Contentcreator, ein Koch und ein Physiotherapeut. Dazu kommen Vollmond, Wärme und Glück. Leni und Keno setzen sich gerade in Bremen in den Zug und kommen morgen hier an, um mich die nächste Woche zu begleiten. Ich freue mich.

Etappe 3 (Sonntag, 30.08.2026) – ich bin schnell

Ilanz – Vrin, 30 km, 2.250 Höhenmeter rauf, 1.490 Höhenmeter runter

Grundsätzlich schlafe ich bequem, aber einen richtigen Tiefschlaf gibt es in diesen Tagen nicht. Warum? Ich bin doch platt! Der Stoffwechsel ist auch nachts deutlich höher als normal. Der Körper regeneriert und repariert sich, und dazu braucht er Energie, auch nachts. Das spüre ich unter anderem an höheren Pulswerten. Hinzu kommt das wichtige Auffüllen der Wasserreserven. Weil ich viel trinke und mein Elektrolythaushalt schwankt, muss ich mal gar nicht und dann wieder alle zwei Stunden zur Toilette. Der Schlaf ist deshalb nicht sehr tief.

Dennoch fühle ich mich nach dem Aufstehen fit. Das Timing am Morgen klappt gut, so langsam wird es Routine. Die Sonne scheint. Mit dem Auto fahre ich 20 Minuten nach Ilanz zum Start und finde einen perfekten Parkplatz, sogar ohne Parkgebühr.

Gesprächsthema am Start: Was machen die Beine? Konsens bei allen: Es ist erstaunlich, wie sich der Körper anpasst. Hatten wir gestern noch mit ziemlichem Muskelkater zu kämpfen, sind die Beine heute zwar noch müde, aber schmerzfrei.

Es ist heiß, ähnlich heiß wie im Juli, als ich schon einmal hier war. Fast die gesamte Strecke der heutigen Etappe bin ich damals bereits gelaufen. Das gibt einerseits Sicherheit, andererseits weiß ich auch, wie anspruchsvoll der Tag wird. Die Landschaft ist ein Traum, und das Traumhafte ist sehr präsent, obwohl ich weiß, was auf mich zukommt. Ich fühle mich stark, höre in meinen Körper hinein und lote ein wenig die Grenzen aus, ohne sie zu überschreiten. Die Nervosität und die Angst der letzten Tage sind komplett weg. Stattdessen keimt sportlicher Ehrgeiz auf: Was geht heute? Es macht einfach Freude. Welche Worte soll ich für das Tal finden, in dem wir laufen? Das Val Lumnezia, das „Tal des Lichts“, ist wunderschön. Der Downhill ist viel zu schnell. Ich komme bei perfektem Wetter nach einem erfüllenden Lauf ins Ziel, wieder deutlich schneller als geplant.

Leni und Keno sind noch gar nicht da. Nach dem Zieleinlauf laufen die routinierten Abläufe ab, und zwar sofort: Recovery-Shake, Mineralstoffe, Pasta, Duschen, Pferdesalbe. Heute arbeite ich ausgiebig mit der Blackroll und der Massagepistole. Inzwischen sind auch Leni und Keno eingetroffen.

Ergebnis: 4:21:53 Stunden, Platz 8 in der Altersklasse, Gesamtplatz 50.

Die Fahrt zum Campingplatz dauert nur 15 Minuten. Zeltaufbau, Entspannung am See, Abendessen, Schlafen. Schön.

Etappe 4 (Montag, 31.08.2026) – Die Greina-Hochebene, ein Traum

Vrin – Olivone, 39 km, 2.250 Höhenmeter hoch, 2.850 Höhenmeter runter

In der Nacht hat es geregnet, am Morgen ist es trocken. Ich klappe das Dachzelt zusammen, und Leni und Keno bringen mich zum Start nach Vrin, 15 Minuten mit dem Auto. Die Sonne scheint. Schon vor dem Start bin ich berauscht und habe total Lust auf diese Etappe. Meine Beine fühlen sich gut an, ich bin ausgeruht. Der Austausch mit den Läufern vor dem Start ist einfach nur schön. Mittlerweile kennen wir uns, sprechen uns Mut zu und zollen uns gegenseitig Anerkennung. Alle lächeln. Was für ein Traum, hier sein zu dürfen!

Es geht schnell bergauf zum Greinapass und dann auf die Greina. Sie ist eine der schönsten und größten Hochebenen der Schweiz und liegt auf 2.200 m ü. NN. Sie ist wild und unberührt, ein mystischer, magischer und kraftvoller Ort, und sie ist laufbar. Ich bin trotz Fotopausen fokussiert. Es folgen ein anspruchsvoller Schlussanstieg und ein langer Downhill.

Ergebnis: 39 km, 5:44:15 Stunden, erneut Platz 8 in der Altersklasse, Gesamtplatz 51.

Das Ziel liegt direkt am Campingplatz. Wieder ist es ein unbeschreiblicher Übernachtungsort: klein, mit Pool und grandiosem Blick auf die Berge. Und wieder gibt es inspirierende Gespräche mit anderen Teilnehmern.

Etappe 5 (Dienstag, 01.09.2026) – beste Stimmung, Hochgefühl

Olivone – Biasca, 35,5 km, 2.150 Höhenmeter hoch, 2.256 Höhenmeter runter

Besser geht’s nicht. Der Start ist direkt am Campingplatz, das Wetter bestens. Mit jeder Etappe steigen die Temperaturen. Die Etappe geht flott los. Fehlt mir etwas Spritzigkeit? Ich halte mein Tempo. Lange laufen wir einen Grat entlang, flowig. Zum Schluss folgt wieder ein langer Downhill, problemlos und routiniert. Es hat 30 °C. Im Zielbereich chille ich völlig entspannt. Mit Patrick und Heike fahre ich zurück zum Campingplatz und relaxe am Pool. Ich sortiere meine Klamotten, Keno und Leni kochen das Abendessen. Auf meinen WhatsApp-Status und die Instagram-Posts bekomme ich viele Rückmeldungen, und meine Schwester teilt meine Abenteuer in ihrem Status 😉.

Alles läuft gut, zu gut? Nein, ich will nicht kritisch sein. Es muss doch gar nicht alles perfekt sein. Es klappt, und ich bin dankbar. Dankbar sein und gleichzeitig unzufrieden sein geht nicht. Die Angst ist weg. Ich bin erfüllt. Auf geht’s! Der Traum geht weiter?

Etappe 6 (Mittwoch, 02.09.2026) – der Wahnsinn nimmt seinen Lauf

Biasca – Sonogno, 29,5 km, 2.248 Höhenmeter rauf, 1.713 Höhenmeter runter

Ich fahre wieder mit Heike und Patrick zum Start nach Biasca. So haben Leni und Keno in aller Ruhe Zeit, die Klamotten zusammenzupacken.

Die Strecke des Tages kenne ich nur „digital“. Schon morgens hat es 30 °C. Ich laufe zunächst vorsichtig los, werde dann aber deutlich flotter und überhole viele starke Läufer und Teams, die sonst vor mir waren. Mir geht es sehr gut. Es wird extrem steil, aber alles ist okay. Den anspruchsvollen, sehr technischen Downhill laufe ich locker an den Besten dran. Am letzten VP gibt es keine Pause, denn ich bin bisher so schnell gewesen, und das soll auch so bleiben. Bisher waren Platzierungen unwichtig, heute überhole ich. Vorfreude? Es wird eine grandiose Etappe.

Ergebnis: 4:34:11 Stunden, Platz 4 in der Altersklasse (nur knapp am Podium vorbei), Gesamtplatz 24 von 232 Teilnehmenden. Diese Platzierung ist eigentlich gar nicht möglich!

Der Zielort Sonogno, der hinterste Ort im Verzascatal, ist ein Paradies und hat eine der schönsten Finish-Lines, die man sich ausmalen kann. Leni und Keno holen mich ab. Wir fahren durch das Verzascatal Richtung Locarno und machen eine lange, ausgiebige Pause am smaragdgrünen Fluss. Das Verzascatal ist eines der ursprünglichsten Täler des Tessins.

Später fahren wir weiter zum Campingplatz. Es gibt leckere Burger zum Abendessen und viele liebe Nachrichten von Freunden. Ein perfekter Tag. Morgen schon das Finale.

Das Finale: Etappe 7 (Donnerstag, 03.09.2026) – das ist nicht zu erklären!

Sonogno – Locarno, 41,5 km, 1.992 Höhenmeter rauf, 2.710 Höhenmeter runter

Heute müssen wir etwas früher aufstehen, denn von unserem Campingplatz zurück nach Sonogno, dem gestrigen Ziel- und heutigen Startort, ist es gut eine Stunde Autofahrt. Bei grandiosem Wetter fahren wir zu dritt durch das schöne Verzascatal hinauf. Unsere Stimmung ist jetzt schon bombastisch. Sonogno ist wirklich ein Paradies. Das Timing ist perfekt, und um 8 Uhr fällt der Startschuss zum Finale!

Die ersten Kilometer am Fluss sind zwar „flach“, aber recht technisch: viele Steine und Wurzeln, knackig kurze Gegenanstiege, Treppen. Das ist „meine“ Strecke. Ich springe, ich fliege! Ich überhole und bin allein. Die Schnellsten sind außer Sicht, vor mir ist niemand, und hinter mir? Auch niemand. Ich habe nur 500 ml Wasser in der Softflask, denn nach 10 km soll der erste VP kommen, wo ich nachfüllen kann. Die 10 km sind rum, aber kein VP. Ach, stimmt: Ich hätte kurz über eine Brücke gemusst. Beim Wettkampfbriefing am Vorabend ist extra darauf hingewiesen worden. Egal, so habe ich etwas Zeit gespart. In Corippo, einer winzigen Ansammlung von Steinhäusern, gibt es einen Brunnen, das weiß ich.

Ich achte auf meine Pulswerte: immer knapp unter 140 Schlägen. Bei diesem Tempo ist alles okay. Und gefühlt? Es geht noch mehr, doch der lange Anstieg und der ewige Downhill kommen erst noch.

Vor Corippo (etwa bei km 15) laufe ich auf das schnellste Männerteam auf. Alle anderen 48 Teams aus allen Altersklassen sind hinter mir. In der Gesamtwertung liegt dieses Team über vier Stunden vor mir. Und heute? Jetzt kommt der lange, sehr lange Anstieg. Ich bleibe dran und übernehme häufig sogar die Führung. Am zweiten VP nach 22 km bin ich 2:17:00 Stunden unterwegs. In rekordverdächtigen 2½ Minuten fülle ich meine Flask auf, verpflege mich, und weiter geht es, hinein ins Vergnügen. Jetzt in der brennenden Sonne!

Ab Corippo kenne ich die Strecke von meinem Trainingslauf im Juli, was sich wohl als Game Changer erweist. Ich weiß, dass ich mit dem Wasser haushalten muss. Es gibt nur einen Brunnen, erst kurz vor dem Gipfel, und ich weiß, wie die Sonne brennt. Im Juli habe ich bei deutlich geringerer Geschwindigkeit eine lange Erholungspause einlegen müssen, jetzt kann ich mich darauf einstellen. Nach meiner kurzen Pause am letzten VP bin ich vor dem Männerteam, doch nun schließen die beiden wieder auf. 1,5 Stunden geht es nur bergan, in der glühenden Sonne. Vor uns niemand, hinter uns niemand. Der Gipfel ist nah. Der Brunnen ist jetzt überlebenswichtig, und die beiden kennen ihn auch. Flasche füllen, die letzten Meter hoch, die letzten Höhenmeter bergan auf dem gesamten TAR.

Der Downhill wird hart und lang, 1.700 Höhenmeter hinunter. Das weiß ich. Angst habe ich keine. Mein Körper spielt verrückt, die Hormonausschüttung ist extrem. Ich fliege hinab. Kurz hinter dem höchsten Punkt kommt der letzte VP der Etappe und des gesamten TAR, mit Wasserschläuchen. Im Vorbeilaufen lasse ich mich nassspritzen. Pause? Nein. Zwölf anspruchsvolle Kilometer liegen noch vor mir.

Ich bin jetzt deutlich schneller als die beiden Männer. Für Fotos bleibt heute keine Zeit, aber die Eindrücke sauge ich auf und bin betrunken vor Freude.

Jetzt wird es hart. Das liegt auch am Streckenprofil: steil, viele Forstwege, nicht „meins“, das weiß ich. Vor mir läuft ein Läufer. Ich bleibe bei ihm, er schnauft und kämpft, und ich quatsche ihn voll. So viel habe ich in sieben Tagen nicht geredet. Gemeinsam laufen wir bis nach Locarno und stimmen uns ab, für das Zielfoto einen kurzen Abstand zu lassen. Da kommt von hinten das Männerteam. Ich habe mich wohl etwas verquatscht. Egal. Ich bleibe auch auf dem letzten Kilometer dran. Zu dritt laufen wir am Ufer des Lago Maggiore entlang. In Locarno, auf Asphalt und bei deutlich über 30 °C, muss ich doch noch ziemlich die Zähne zusammenbeißen, zum ersten Mal an diesem Tag. Die Zielgerade ist jetzt mehr Kampf als Euphorie, aber das Hochgefühl habe ich ja schon die letzten Stunden gehabt. Ich nehme etwas Tempo raus, damit die beiden gebührend empfangen werden und als siegreiches Männerteam durchs Zielbanner laufen können.

Leni und Keno stehen am Zielkanal, beide sehr stolz. Das ist berührend. Etwas mehr Ruhe hätte ich mir auf den letzten Metern nehmen können, doch jetzt will ich nur noch über die Ziellinie.

Ich habe es geschafft. Was für ein Wettkampf, was für eine Etappe! Ich klatsche mit Leni und Keno ab. Was wäre dieser Zieleinlauf, wenn man die Gefühle nicht mit Menschen teilen könnte, die einem wichtig sind … Schön, dass ich eine so tolle Crew habe!

Ergebnis Etappe 7: 5:02:56 Stunden. Und ich habe mein Podium (verrückt!).

Etappe 7, Altersklasse Senior Master Men (39 Solostarter):

  • Platz 1: Tofol Castanyer aus Mallorca, ehemaliger Skyrunning-Weltmeister und früherer Gewinner des UTMB CCC
  • Platz 2: Cornel Furrer aus der Schweiz, erfahrener Bergläufer und Vorjahresgewinner des TAR
  • Platz 3: Thorsten Glatthor aus Norddeutschland, sein erster Etappenlauf

Gesamtplatz 9 von 230 Teilnehmenden auf der siebten Etappe.

Im Zielbereich am Lago Maggiore entspanne ich bei perfektem Wetter: essen, trinken, quatschen, lächeln! Danach will ich zum Campingplatz, duschen und mich für die Abschlussparty zurechtmachen. Doch ich werde aufgehalten und soll bleiben, denn es gibt noch die Siegerehrung der Tageswertung. Also ausharren 😉. Fast verpasse ich sie dann doch. Platz drei auf einer TAR-Etappe, und das als Norddeutscher! Was ist hier los? Erklärbar ist das nicht.

Was bleibt

Vielleicht gibt es einen Ansatz, der als Erklärung passen könnte: Auf den Fotos, die Fotografen an der Strecke von mir gemacht haben, lächle ich fast immer, und das nicht nur vor der Linse. Der TAR hat mir vom ersten Meter an Freude bereitet, und diese Freude war nie getrübt. Sie setzte sich mit jeder Etappe fort und wurde immer größer. Vielleicht ist es so einfach.

In diesen sieben Tagen habe ich meinen Traum gelebt. Ich hatte das Glück, das gefunden zu haben und das tun zu dürfen, was mich erfüllt. Der Höhepunkt war die letzte Etappe. Mein Kopf war permanent im Hier und Jetzt: völliger Fokus, Achtsamkeit, keine abschweifenden Gedanken. Fünf Stunden war ich im Flow. Nichts war schwer, alles war leicht. Dazu kam eine siebentägige Dauerausschüttung von Adrenalin, Endorphin, Serotonin, Dopamin … Runner’s High. In einem solchen Zustand sind (so meine These) vermutlich Leistungen wie auf der letzten Etappe möglich.

Selbstverständlich sind solche wunderbaren Tage nicht, und auf große Teile habe ich keinen Einfluss. Ich bin dankbar für vieles: für mein Umfeld, für Freunde und Familie, für die Balance, die sie mir im Alltag geben, und für die Chance, daraus zu einem so berauschenden Abenteuer aufbrechen zu dürfen. Die Tragweite des Laufes hatte ich mir im Vorfeld nicht so vorgestellt. Die Rückmeldungen und das Interesse waren sehr groß. Es berührt mich, wenn Eltern berichten, dass Menschen aus ihrem Umfeld, die sonst wenig mit Laufen oder Ausdauersport zu tun haben, sie auf mein Abenteuer angesprochen haben.

So viele Menschen haben dieses Projekt unterstützt. Ich habe von unterschiedlichen Seiten so viele Tipps und Anregungen erhalten. Es gab gute Gespräche bei gemeinsamen Läufen, die sich häufig um „mich“ drehten, dazu Ernährungstipps. Jeder Hinweis war ein sehr wichtiges Puzzleteil. Ich bin dankbar für Leni, Keno und Larus, die vor Ort dabei waren, für die Persönlichkeiten, die wir dort kennengelernt haben, für meine Familie und Freunde sowieso, für die Trainingspartner, die interessierten Sportkollegen, die oft nachgefragt haben, für das Trainerteam und den Coach, für das Orga-Team von Plan B, die netten Volunteers und den lieben Gott. Danke!

Nachtrag: Wir drei verbrachten noch wunderbare Tage auf dem Campingplatz im Val Maggia, legten dann einen schönen Zwischenstopp am Bodensee ein und kamen gut wieder in der Wirklichkeit an. Damit wir auf der Rückfahrt zu dritt ins Auto passten, mussten wir leider das gesamte Leergut opfern. Die Lebensmittel waren zwar weniger geworden, aber Leni und Keno waren mit Rucksack und Tasche per Zug angereist. Für unsere Bratpfanne war tatsächlich KEIN Platz mehr, sie blieb in der Schweiz 😉.

Gesamtergebnis: 7 Etappen, 33:58:33 Stunden, 245 km, 14.160 Höhenmeter, Platz 6 von 39 Finishern in der Altersklasse Senior Master Men.

Der Transalpine Run ist mehr als nur ein Rennen, er ist eine Reise. Der TAR – was für ein Abenteuer!