Der ULTRA VIKING! 60 Kilometer, über 135 Hindernisse, eine Finisherquote von nur 68% bei dem (und wir rezitieren nur die Homepage) „härtesten Hindernislauf der Welt“ – und das alles innerhalb von maximal 10 Stunden.
All das wussten wir und sind trotzdem hingefahren. Es war für uns einfach der nächste, logische Schritt, nachdem wir bereits zwei IRON VIKING (42 Kilometer mit über 100 Hindernissen) gemacht haben. Beide Male hatten wir nicht das Gefühl am Ende unserer Kräfte zu sein. Das sollte sich dieses Mal ändern…
Vorbereitung:
Über Monate hinweg haben wir kontinuierlich unser Laufpensum gesteigert und eine gute Mischung aus Longruns, Tempoläufen und Intervallen absolviert. Wir fühlten uns so fit wie noch nie, erlitten keine Verletzung oder andere Einschränkungen und kamen gar nicht auf die Idee, dass wir scheitern könnten. Zudem kannten wir ja das Konzept, die Hindernisse, Abläufe etc. und das Einzige was jetzt anders werden sollte, waren einfach noch mal 18 Kilometer oben drauf (noch nie mehr als nen Marathon gelaufen, aber zumindest das Mindset hat schon mal gestimmt).
So kam es also dazu, dass wir am 26.09.2026 um 08:30 in Spaarnwoude bei Amsterdam Arm in Arm mit anderen „Vikings“ standen und versprachen „to leave no one of our Viking Brothers and Sisters behind“, bei jedem gescheiterten Hindernis 10 Burpees und bei jedem ausgelassenen Hindernis 20 Burpees als Strafe zu leisten. Besiegelt wurde das alles mit lauter Musik, Pyrotechnik und einem dreifachen OORAH! Wir waren aufgeputscht und bereit uns allem zu stellen!
Das Rennen:
Wir "Ultras" waren die ersten am gesamten Wochenende, die um 08:40 Uhr auf die Strecke losgelassen wurden und nach den ersten Kilometern entzerrte sich der Pulk aus orangefarbenen Westen. Es fing entspannt mit einem Balancehindernis an:
Jonny: Das war ja einfach – hoffentlich sind die meisten ähnlich leicht.
Lisa: Das kann doch nicht wahr sein! Wie kann man auf 4 Meter Balken die Balance verlieren!? Erstmal 10 Burpees.
Jonny: Wo ist sie denn? Macht die da etwa schon Burpees?
Insgesamt sah der Ablauf durch mehrere Runden mit folgenden Kilometern so aus: 19 – 19 – 13 – 7. Nach jeder Runde hatten wir die Gelegenheit uns im Ziel mit eigener Verpflegung zu versorgen. Unterwegs gab es zusätzliche Versorgungsstationen.
Die ersten 2 Kilometer und Hindernisse waren schnell überwunden und so kamen wir zum uns bekannten und noch nie als Problem gesehenen Tire Flip. Dabei muss ein ausrangierter Trecker / LKW-Reifen ein paar Meter umgeworfen (geflippt) werden – eine Mischung aus Squad, Clean und Push.
Lisa: Einfach in die Hocke gehen, den Reifen unten greifen und nach oben… Ach du Schande ist der schwer! Viel zu schwer! Wer macht denn so schwere Reifen!? Das wäre doch nicht nötig gewesen. Und für Frauen gibt’s keine leichteren? Das werde ich gerade eben so schaffen… Uh, mein armer Rücken.
Jonny: Diese Gewalt- / Wuchtübungen machen mir ja immer Spaß, vor allem sind sie schnell vorbei! 4-5 Wiederholungen werden das höchstens, easy. Und eins… und ZWEEEEEEI! Argh, da hat was böse im unteren Rücken gezogen… Atmen, langsam weitermachen, nichts anmerken lassen. Haben wir uns vorher eigentlich aufgewärmt? Nein. Kurz zu Lisa rüber gucken, ob sie was gemerkt hat. Ne, die beschwert sich eher darüber, warum Emanzipation hier bedeutet, dass Männer und Frauen die gleichen Gewichte stemmen müssen.
Lisa: Können wir weiter?
Jonny: Bestätigendes „Hm hm“. Ich hebe den Daumen (eine gelogene Geste), erzähle ihr nichts und überspiele den Schmerz. Die darauffolgenden Kilometer biss ich sehr auf die Zähne und dachte sogar darüber nach abzubrechen. Und dann? Lisa alleine weiterlaufen lassen? 2 Jahre Vorfreude nach ner halben Stunde verpulvern lassen? Auf gar keinen Fall! Oder besser doch? Bin ich unvernünftig? Es gingen mir eine Menge Gedanken durch den Kopf, aber ich wollte erstmal weiter machen. Wenn ich mir nur nen Nerv geklemmt habe, ist Bewegung doch eh das beste Mittel… Zum Glück wurde es auch Kilometer für Kilometer wieder langsam besser, wenn auch bei weitem nicht gut, aber das musste reichen. Hindernisse machte ich vorsichtiger, kontrollierter, ohne Gewalt. Irgendwann erzählte ich auch Lisa von dem Vorfall – wenn ich doch irgendwann plötzlich zusammenbreche sollte sie wenigstens wissen warum.
So schritten wir konstant voran, bewältigten den 14 Meter hohen Fjord Drop, rannten Halfpipes hoch, kletterten über Mauern, hangelten an Seilen voran oder nach oben, schleppten 17 Kg Eisenketten über einen 12 Meter hohen Schutthügel, krochen über Schlammgräben, schwammen durch Gewässer und vieles mehr. Die ersten 19 Kilometer waren in 2:40 Stunden geschafft – gute Zeit. Im Zielbereich Elektrolyte trinken, neue Gele einstecken, Brezeln essen und dasselbe noch mal. Überraschenderweise waren wir in Runde zwei sogar noch schneller. Mittlerweile waren auch meine Eltern eingetroffen und haben uns angefeuert und kurz gesprochen, bevor wir das letzte Drittel angingen. Zitat: „Nach eurer zweiten Runde saht ihr noch super aus!“ Und so haben wir uns auch gefühlt… noch…



Grundsätzlich ist Lisa immer zu jeder neuen Runde besser in Gang gekommen. Ich war immer hinten dran und mit Essen beschäftigt.
Lisa: Wo bleibt er denn? Kann er nicht essen und laufen gleichzeitig? Aber er zeigt ja wieder den Daumen hoch, dann scheint alles in Ordnung zu sein. Aber langsam ist er trotzdem.
Jonny: Ich dachte mir, es wäre eine gute Entscheidung neben dem ganzen süßen Zeug auch mal was Herzhaftes zu essen und griff mir mein Milchbrötchen mit Käse, Wurst und Remoulade. Komischer erster Bissen, als käme es mir sofort wieder hoch. Wo ist der Mülleimer? Das Ding kommt gar nicht gut an. Schade drum, aber weder den zweiten Bissen im Mund noch den Rest werde ich aufessen. Mir wurde richtig schlecht und zum Neutralisieren griff ich eine Hand voll Minibrezeln. Lisa ist schon wieder auf und davon. Also langsam anlaufen und mit kleinen Bissen die Übelkeit bekämpfen. Ausgerechnet hier im Basecamp wo alles voller Leute war. Ich schaute provisorisch schon mal nach Ecken wo ich mich unauffällig übergeben könnte. Lisa blickte mehrfach skeptisch nach hinten zu mir. Ich hob wieder den Daumen, genauso falsch wie beim ersten Mal und biss mal wieder die Zähne zusammen.
Auf der Strecke war es mit den teilweise verkleideten „Spaßläufern“ voller geworden. Doch wir merkten langsam, dass das hier mehr als anstrengend wird. Je nach Hindernis nahmen wir lieber Burpees in Kauf, die von dem Streckenpersonal auch gnadenlos bis zum letzten Kilometer eingefordert wurden und den dreistelligen Bereich erreichten. Teilweise wurden unsere kraftlosen Versuche an den Hindernissen auch gar nicht mehr als Versuche gewertet: also 20 Burpees. Obwohl man das Gehampel zum Schluss eigentlich auch nicht mehr als Burpee bezeichnen konnte...
Insgesamt war noch Zeit und das reine Laufen war auch noch ok, aber bei den Hindernissen ging es oft um maximale Muskelkraft. Wir stellten uns die Frage: Schaffen wir das wirklich? Doch so sehr die Zweifel auch kamen, blieb der reine Wille ungebrochen. Das hier wird jetzt durchgezogen – und danach NIE WIEDER! Das war jetzt schon klar.
Nach 9 Stunden und 38 Minuten erklommen wir (dieses Mal ohne 12kg Sandsack auf den Schultern) ein 4tes und letztes Mal die Stufen nach Walhalla. Es war wirklich vorbei! Wir hatten es in der vorgegebenen Zeit geschafft …ca 1 ½ Stunden später als ursprünglich geplant. Das war uns aber alles egal, da der Stolz in großen Wellen uns hereinschwappte. Allerdings gab es das Siegerbier nur, nachdem man sich noch mal einen Klimmzug rausgewürgt hatte. Ganz tolle Idee! Danke Strong Viking!
Fazit:
Es war eine krasse Erfahrung und wir sind noch nie so nah am Ende unserer Kräfte gewesen. Die Strenge der Veranstaltung hat uns doch sehr überrascht – die Siegermedaille wurde nicht großzügig verschenkt. Bei noch keinem Hindernislauf wurde so streng die Ausführung kontrolliert und im schlimmsten Fall Disqualifizierungen ausgesprochen. Im Ziel wurde sogar ein Blick auf unsere Uhren geworfen, um auszuschließen, dass wir auch nicht abgekürzt haben.
Uns ist wichtig bei jedem Event den Spaß nicht zu verlieren. Aufgrund der Strenge, dem Schwierigkeitsgrad der Hindernisse, die Gewichte der Utensilien und der Länge der Veranstaltung blieb der Spaß allerdings doch irgendwann auf der Strecke.
Auch wenn wir wahrscheinlich kein zweites mal an diese Startlinie gehen, sind wir froh es dieses mal gemacht & geschafft zu haben. Wer ans Kräfte- und Willenslimit oder sogar darüber hinaus kommen will, ist bei diesem Event richtig. Außerdem schweißt das gemeinsame Leiden sehr zusammen und die Unterstützung und Anfeuerung unter den Ultra Vikings war echt toll. Man hatte einfach Respekt vor der gegenseitigen Leistung.
Um unsere bis dato härteste Erfahrung reicher sind wir jetzt ULTRA VIKINGS! OORAH!


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