von Hendrik
Aus dem letzten Jahr hatte ich mit diesem Rennen noch eine Rechnung offen. Letztes Jahr, geplagt von starken Krämpfen, wollte ich mir beweisen, dass es besser geht.
Die Vorbereitung lief insgesamt gut – bis auf die letzten vier Wochen vor dem Wettkampf. Erst war ich zwei bis drei Wochen krank, danach stand noch ein Junggesellenabschied an. Mein Ziel war klar: ohne Krämpfe und unter meiner Vorjahreszeit von 6:38 Stunden ins Ziel kommen. Trotz guter Vorbereitung und gesteigerter Fitness sah ich dieses Ziel zwischenzeitlich in Gefahr.
Das Wetter war ähnlich gut wie im letzten Jahr. Anders als damals waren wir diesmal zu viert unterwegs: Thore Köster, Catalina Heller, Sascha Reimers und ich für den TSV Schwarme.
Im Gegensatz zum letzten Jahr wusste ich diesmal, was mich erwarten könnte: Schwindel, Übelkeit und Krämpfe. Deshalb hatte ich mich mental auf das Schlimmste eingestellt. Neben den Freunden im Starterfeld waren auch Femke, meine Eltern, Femkes Eltern sowie Lara und Luki dabei, um uns zu unterstützen. Gerade bei so einem Rennen ist Support unglaublich wichtig, um mentale Tiefs zu überwinden.
Direkt nach dem Start ging es bergauf. Da der Weg sehr schmal war, bewegte sich das Feld zunächst im „Entenmarsch“ vorwärts. Schon dort merkte ich, dass sich das Training ausgezahlt hatte: Bei ähnlichem Tempo wie im Vorjahr war mein Puls deutlich niedriger.
Eine ganze Zeit lang liefen Sascha und ich zusammen. Nach einer kurzen Pinkelpause stieß dann auch Catalina wieder zu uns. An der ersten Verpflegungsstation trennten sich unsere Wege zunächst – die anderen beiden versorgten sich ausführlicher, während ich nur schnell eine Softflask auffüllte und weiterlief. Überraschenderweise holte mich Sascha ein bis zwei Kilometer später wieder ein. Anschließend liefen wir gemeinsam bis etwa Kilometer 22.
An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass Sascha mein Leidensgenosse für genau solche Abenteuer ist – Rennen, auf die wir uns eigentlich nie richtig vorbereiten. Für dieses Rennen hatte ich es ausnahmsweise getan, er hingegen nicht. Dementsprechend oft fragte ich ihn:
„Willst du wirklich mein Tempo laufen?“
Seine Antwort war jedes Mal dieselbe:
„Ich werde später sowieso leiden. So habe ich schneller mehr hinter mir, und die anderen beiden sammeln mich irgendwann wieder ein. Dann bekomme ich meine zweite Luft.“
Ob sein Plan aufgehen würde?
Unterwegs nutzte ich die Zeit, um einige Leute kennenzulernen. Da war zum Beispiel eine Frau, die mit diesem Lauf – ihrem ersten Ultra – ihre Marathonleidenschaft abschließen wollte, um sich künftig mehr dem alpinen Klettern zu widmen. Oder ein Mann Anfang 30, der am Vortag seinem Kumpel stolz seine neue Jeans präsentiert hatte. Daraus entstand eine Wette – und tatsächlich lief er den kompletten Wettkampf in Jeans. Sein Freund in Sporthose musste dagegen abbrechen.
Irgendwann erreichte ich Kilometer 32. Genau dort hatte ich im letzten Jahr den Fehler gemacht, einen langen Bergab-Abschnitt viel zu schnell zu laufen. Dieses Jahr war ich schlauer.
Danach folgte der längste Anstieg der Strecke: etwa drei Kilometer bergauf, kurz vor der Marathonmarke. Genau hier wurde mir letztes Jahr schlecht und schwindelig, und die Krämpfe wurden immer heftiger. Dieses Mal jedoch keine Spur davon. Die Beine wurden zwar schwerer, und die süßen Gels konnte ich irgendwann nicht mehr sehen – aber das waren Probleme, mit denen ich arbeiten konnte.
Immer wieder traf ich unterwegs unseren kleinen Fanclub. Das fühlte sich an wie ein frischer Satz Reifen in der Formel 1 – einfach unglaublich gut. Trotzdem wurde mein Tank langsam leerer, und die Beine nicht leichter. Bis auf einige steilere Anstiege lief ich alles durch. Schritt für Schritt, mit durchgehend positiven Gedanken.
Die letzten anderthalb bis zwei Kilometer begleitete mich Femke mit dem Fahrrad. Sie redete mir gut zu und versuchte mit Blick auf die Uhr noch einmal alles aus mir herauszuholen:
„Komm, etwas schneller – gleich geschafft!“
Zum Glück hat sie das gemacht. Genau diese Motivation brachte mir die entscheidenden Sekunden, um meine Wunschzeit zu erreichen.
Am Ende stand eine Zeit von 6 Stunden 30 Minuten (Platz: 145 in AK M35: 19) auf der Uhr – ohne Krämpfe, ohne Verletzungen und ohne Überlastungserscheinungen. Ich war überglücklich, meine Ziele erreicht zu haben. Der Lauf fühlte sich zwar schwer an – besonders die letzten drei Kilometer – aber konstant und kontrolliert.
Nach 6 Stunden 53 Minuten (Platz: 197 in AK W30: 6) kam Catalina ins Ziel.
Und Saschas Plan?
Etwa zwölf Kilometer vor dem Ziel holte Thore ihn ein. Die beiden umarmten sich vor Freude und liefen gemeinsam bis ins Ziel, das sie nach 7 Stunden 34 Minuten (Platz: 293 / 294 in der AK M30: 18+19) erreichten.
Wie schon im letzten Jahr war es eine tolle Strecke: super organisiert, motivierte freiwillige Helfer, nette Menschen und perfektes Wetter.





