von Thorsten
Der Hexenstieg ist ein Weitwanderweg im Harz. Die Strecke geht über 100 km von Osterode im Südharz nach Thale im Norden. Zufällig fand ich im Internet den Hinweis, dass in diesem Jahr der 1. Hexenstieg Ultra – ein offizieller Wettkampf, organisiert wurde. Zur Corona-Zeit hatte ich diese Strecke schon einmal als für mich selbst geplant. Es war aber nur beim Plan geblieben. Ca. 80 % der Strecke (die ersten 60 km und die letzten 20 km) kannte ich bereits aus verschiedenen Trainingsläufen in den letzten Jahren. Da musste ich nicht lange nachdenken und haben mich erstmal angemeldet.
Im Fokus meiner Vorbereitung stand da jedoch die Brocken-Challenge im Februar und dann die deutsche Meisterschaft über die 50 km Straße im März. Zusätzlich hatte ich noch „eine Rechnung“ mit dem Backyard „Katzensprung`s Ultra“ im Mai offen. Somit klingt es zwar logisch, den April mit dem Hexenstieg aufzufüllen -eigentlich war es aber ein Wettkampf zu viel. Und so habe ich (leider) den Lauf etwas „klein“ geredet. „Nur“ ein Wettkampf unter Trainingsbedingungen. Vor der Haustür. Auf überwiegend bekannten Wegen. Unterstützung? Nicht notwendig. 100 km – die will ich doch „nur“ locker abspulen. Nichts besonders Erwähnenswertes.
Am Donnerstag Klamottenpacken. Meine Energiepulvervorräte haben zufällig noch genau gepasst -kein Gramm mehr übrig. Alle Dosen leer. 5 Energiegels fehlten. Also noch schnell zur Drogerie. Checkliste „Klamotten und Equipment“ abgehakt. Matratze, Kopfkissen und Schlafsack ins Auto. 17.30 Uhr Abfahrt nach Thale. Herrliche Abendsonne. Problemlose Fahrt. Entlang des Nordharzes mit Blick auf den Brocken.
In Thale bei Peters Sportbar die Startunterlagen abgeholt. Dort andere Läufer getroffen und gemeinsam eine Pizza gegessen. Mit dem Auto nach Weddersleben, einem Nachbarort von Thale, zur Sporthalle, wo die Ziel-Location ist und morgen früh der Shuttlebus nach Osterode startet.
Einen schönen Schlafplatz am Ortsrand -700 m von der Sporthalle entfernt- gefunden. 22 Uhr in den Kofferraum meines Autos verkrochen. Noch schnell das Telefon laden … falsches Ladekabel. Akkus fast leer – super Vorbereitung. Trotzdem gut geschlafen.
Freitag, 5.15 Uhr klingelt der Wecker (Akku hat noch gereicht). Angezogen. Vier Toast mit der selbstgemachter Erdbeermarmelade meiner Mutter. Zähne geputzt. Laufweste auf den Rücken und bei wundervollem Sonnenaufgang zur Sporthalle. 6.15 Uhr in einem bequemen Reisebus zum Startort Osterrode gefahren.
Sonnenschein. Perfektes Wetter. 8.35 Uhr Start. Zusammen mit ca. 100 weiteren Läufern mache ich mich auf den Weg.
Ich reihe mich vorne ein. Es geht gleich bergan, den Part kenne ich. Pulswerte sind schnell hoch. Ich nehme ein wenig Tempo raus. Der Tag ist noch lang -und es soll ein lockerer Lauf werden. Die Strecke ist super schön. Ab Torfhaus dann der steile Aufstieg zum Brocken. Hatte ich ursprünglich gedacht die 100 km komplett zu laufen, bin ich zwei kurze Abschnitte zum Brocken dann doch bewusst gegangen. Immer den Blick auf die Pulswerte. Der Brockengipfel. 42 km. 3:50 Stunden.
Vom Brocken geht’s dann ziemlich steil bergab Richtung Drei Annen Hohne. Sehr schwierig zu Laufen Beim Brockenmarathon im Herbst 2025 konnte ich hier „auskopppeln“, laufen lassen. Da wusste ich: nach 20 km bin ich im Ziel. Heute: Es lagen noch 60 km vor mit. Mit jedem Schritt muss ich das mehrfache meines Körpergewichts auffangen. Langsam bergab ist nicht wirklich kraftsparend.
Kilometer 60. Ich laufe bisher allein, bis auf wenige kurze Passagen. Die Führenden waren vom Start weg außer Sichtweite und hinter mir war bisher auch niemand. Ich bin allein, mit der schönen Natur und meinen Gedanken.
Das meiste war geschafft? Bei einem Ultralauf muss man permanent in sich reinhören (oder auch nicht?) Wie geht’s dem Körper? Ein seltsames Gefühl beschleicht mich. Ich bin unsicher. Leicht flauer Magen – aber nicht wirklich schlimm. Energiezufuhr passt noch. Kraft? Wird weniger. Das Bodetal, die letzten 20 km kenne ich. Jetzt bin ich gerade auf den 20 % der Strecke, die mir unbekannt sind. Noch 40 km bis in Ziel – plötzlich kommt mir die Strecke so weit vor. Viel zu weit. Habe ich dem Lauf unterschätzt? Habe ich mich überschätzt? Ich kann die Signale meines Körpers nicht deuten. Regelrechte Angst kommt auf. Ich nehme abrupt Tempo raus. Schleiche nur noch vorwärts. Wandere die Steigungen hinauf. Mein Mindset ist nicht klar. Selbstzweifel. Angst. Panik.
Der Körper? Dem gehts eher schlechter. Langsame Fortbewegung, da bleibt viel Zeit sich auf den flauen Magen und die schmerzenden Füße zu fokussieren. Je mehr ich daran denke, um so „schlechter“ fühle ich mich. Extreme Selbstzweifel an der eigenen Leistungsfähigkeit kommen auf.
Wendefurt: km 75. Der letzte Verpflegungspunkt. Pause. Frisches T-Shirt angezogen. Gesicht und Körper gewaschen. Zwei Läufer kommen und überholen mich.
Langsam habe ich mich mit meiner Situation abgefunden. Sehr lange werden die letzten 25 km wohl noch dauern. Problem: ich hatte gar keine Stirnlampe eingepackt. Wollte in 12 Stunden und damit genau zum Sonnenuntergang im Ziel sein. 5 km noch unbekanntes Terrain, dann das -mir bekannte- technisch anspruchsvolle Bodetal.
Langsam ging ich los. Etwas frischer fühlte ich mich. Eine Salztablette für den Magen und Musik an. So wäre ich vermutlich noch stundenlang weitergewandert.
Doch dann kam ein Läufer von hinten. Zum Glück nur etwas schneller als ich. Ich blieb dran. Kam wieder in einen anderen Rhythmus. Und lief an ihm vorbei. Und ich lief weiter. Schnell. Problemlos. Alles nur Kopfsache.
Das Bodetal. Mein Fokus war jetzt völlig eng. Technisch anspruchsvolle Strecke. Konzentration. Jetzt nochmal Vollgas, wenn es am Ende wieder anstrengend wird - egal. Plötzlich waren die letzten 20 km nicht mehr weit. Statt Selbstzweifel jetzt Selbstvertrauen. Keine Zeit mehr, um auch nur eine Sekunde an meinen Magen oder schmerzende Füße zu denken. Laufen. Geht doch. Voll einfach! Anstrengung? Nein, nur Lust am Laufen.
Im Ziel haben alle über das Bodetal geflucht. Viele haben hier viel Zeit verloren. Für mich: nur Freude. Mein Kopf war völlig frei. An den beiden Läufern, die mich am letzten VP überholt haben, flog ich vorbei.
Nach 11:55 Stunden war ich im Ziel. 21 Uhr - langsam wurde es dunkel! Nach den letzten schnellen Kilometern doch arg kraftlos, aber völlig zufrieden und glücklich!
Auf der Ziellinie lag ein Läufer, völlig ausgelaugt. Es war einer aus der Führungsgruppe der mich ein paar wenige Kilometer vorher auf der Strecke sehen konnte und seine letzten Kraftreserven mobilisieren musste, um 30 Sekunden vor mir ins Ziel zu kommen.
Von 90 Starter waren 3 Männer vor mir.
Mag ein 100 km Wettkampf vor der „Haustür“ für anderen Ultraläufer irgendwann Routine werden, lautet mein Fazit: 100 km sind 100 km sind 100 km. Für mich sind 100 km eine Herausforderung. Und eine solche Challenge geht nicht so „nebenbei“. Das nächste Mal werde ich meine langen Läufe mehr in den Fokus stellen. Auch nach außen. Mehr berichten. Mehr Werbung machen. 100 km sind hart. Ich werde aus diesem Lauf lernen und mich mit etwas mehr Demut meinen weiteren Herausforderungen stellen. Oder doch einfach weniger Denken und nur Laufen?
Vorsicht ist gut, aber Angst brauche ich nicht zu haben – das ist eine wichtige Erkenntnis für mich.




