von Thorsten
Darf ich zufrieden sein?
Die Brocken-Challenge (BC) ist ein Ultralauf, der von Göttingen zum Brockengipfel führt. Der Lauf findet immer im Februar statt. Dass das Wetter oft die wirkliche Challenge ist - gerade auch auf der Passage im Harz und den letzten Kilometern in Richtung ausgesetzten Brockengipfel-, ist selbsterklärend. Ich versuche die Distanz von 80 km und knapp 2.000 Höhenmeter möglichst schnell zu absolvieren – das ist meine Challenge. Aber nicht nur deshalb ist es „meine“ Brocken-Challenge, denn noch keinen Lauf habe ich häufiger absolviert. Im Jahr 2018 war die BC mein erster Ultralauf. In diesem Jahr bin ich zum sechsten Mal dabei.
Hat mit der Erfahrung in diesem Jahr alles perfekt funktioniert?
Freitagabend bin ich zusammen mit Kai, der in diesem Jahr zum zweiten Mal bei der BC startet, in Göttingen angekommen. Bis 18 Uhr sollten wir die Dropbags (mit warmen Wechselklamotten) für den Brockengipfel abgegeben haben (denn nach dem morgigen Finish müssen wir vom Brocken wieder rd. 7,5 km hinunter nach Oderbrück wandern). 18.15 Uhr waren wir da – (fast) Punktlandung, unsere Rucksäcke konnten wir direkt im Transportfahrzeug deponieren. Startunterlagen abholen, ein paar kurze Gespräche mit bekannten Läufern wechseln und dann ging es wenige Kilometer weiter in die „Geschwister Glatthor“ Ferienwohnung. Nudeln zur Stärkung. Viel getrunken (Wasser). Equipment bereitgelegt. Kurzweilige Unterhaltung mit lieben Gästen (Insider: den Besuch im Schützenhaus haben wir dann vernünftigerweise ausfallen lassen). 22 Uhr ins Bett.
Sonnabend, 14.02.2026: um 4 Uhr klingelt der Wecker. Porridge, Kaffee, ein letzter Blick auf den Wetterbericht, Toilette, anziehen. 5.15 Uhr Abfahrt. Das Wetter ist besser als prognostiziert. Leichte Minusgrade, kein Niederschlag, auf den ersten 40 km wohl auch schneefrei. Kurzentschlossen ziehe ich für den erste Teil der Strecke leichte Straßenschuhe statt die schweren Crossschuhe an. Um 6 Uhr starten Kai und ich mit weiteren 175 Läufern in unser tagesfüllendes Abenteuer.
Nach 30 Minuten sind wir bereits in Mackenrode, dem Ort unserer Übernachtung. Meine Schwester Daniela steht an der Strecke und feuert uns an. Weiter unten im Dorf - Katharina und Olaf, Freunde, die sich ebenfalls und noch bei Dunkelheit zum „Glückwünschen“ an die Strecke gestellt haben – sehr lieb! Der Start ist traumhaft! Kai und ich sowieso, aber ich denke auch alle anderen Läufer, sind voll motiviert und zuversichtlich, was die nächsten Stunden noch so bringen.
„Langsam anfangen“ lautet meine Devise. Ich habe mir exakte Durchlaufzeiten auf meiner Startnummer notiert. Zusätzlich will ich ganz genau auf meinen Körper hören.
Ist mir das diesmal gelungen? Darüber hinaus will ich auch noch ein wenig mit den Mitläufern quatschen – solange das noch funktioniert, bin ich nicht zu schnell. Doch diese zusätzliche Kleinigkeit war vielleicht ein Fehler. Denn schnell, aber nicht zu schnell, bin ich in Mackenrode. Nach dem Abklatschen doch nochmal kurz hinter die Büsche. Eine Zweiergruppe von Läufern ist voraus, hinter mir eine große Lücke. Nur eine Läuferin überholt mich. Wenn ich also quatschen will, muss ich die einholen. Doch die ist schnell unterwegs. Erst in Landolfshausen, an der ersten Verpflegungsstation habe ich sie erreicht. Mein „kurzer“ Zwischensprint hat sich über mehr als drei Kilometer hingezogen. Nicht sonderlich kraftsparend. Ein kurzer Austausch und sie läuft (zu) schnell für mich weiter. Die nächsten Kilometer: ein einsames Rennen!
Ca. bei Kilometer 15, am Ufer des Seeburger Sees steht wieder meine Schwester. Das passt super. Es ist mittlerweile hell und ich kann ihr meine Stirnlampe in die Hand drücken.
Rollshausen km 21,8; ich bin weiterhin an Position 4 (exakt im Zeitplan und nicht zu schnell) hinter den beiden Führenden und der Läuferin aus Berlin. Weiterhin allein. Ein steiles Waldstück zur sogenannten Tilly-Eiche. Etwas rutschig mit meinen Straßenschuhen. Ich bin gut unterwegs und nehme sogar etwas Tempo raus, lieber etwas langsamer, als zu viel Kraft verbrauchen, denn 50 km liegen noch vor mir. Jetzt kommt ein Läufer von hinten. Wir laufen ein ganzes Stück zusammen. Mit Johannes, so heißt er, tausche ich über Laufbänder und diverse Läufe aus. Sehr kurzweilig. Wir beide sind so abgelenkt, dass wir in Rhumspringe einen Markierungspfeil nicht richtig interpretierten und leider falsch abbiegen. Fehler Nummer zwei – nein nicht der Umweg (das waren nur ca. zwei Kilometer) sondern das, was danach passierte: Auf dem Rückweg zur Strecke und auf dem Weg zum VP an der Rhumequelle schaltet Johannes einen Gang hoch. Eine Gruppe von vier Läufern hat uns durch unseren Fauxpas eingeholt. Johannes schließt auf. Ich versuche dran zu bleiben. Zeitgleich kommen wir sechs am VP Rhumequelle (Km 30,7) an.
Das war jetzt schon der zweite Zwischenspurt an diesem Tag – einer zu viel? Vielleicht, denn ich muss die ganze Truppe ziehen lassen – ist auch ok, es liegen noch einige Kilometer vor uns – noch passt meine Renneinteilung und ich habe die Hoffnung Einen oder Anderen doch wieder einzusammeln. Jetzt ist es kurzzeitig schon wieder ein einsames Rennen. Von hinten kommen weitere Läufer. Ich kann sie (noch) auf Distanz halten.
Barbis, Harzrand, Kilometer 42,5: Ab jetzt wird es ein Ultra – das weiß ich. Martin ist extra angereist. Es füllt meine Getränkeflaschen auf und gibt mir meine Crosschuhe und zur Sicherheit auch Spikes. Der Zeitplan passt (eigentlich), dennoch bin ich auch bei dieser BC schon wieder recht kraftlos – warum?
Ab Barbis geht es über 11 km den sogenannten und berüchtigten Entsafter hoch, nur bergan. Wiedererwarten schneefrei und nicht glatt. Ein weiteres Läufergrüppchen hatte mich in Barbis beim VP überholt. Alles eng beieinander. Ähnliches Tempo. Nur der Gesamt-Führende war schön längst weit voraus. Mein zwischenzeitlicher Mitläufer Johannes hatte sich mittlerweile auf Rang 3 vorgekämpft (im Ziel war er Zweiter). 
Sonst wieder viel Luft auf der Strecke. Dort sitzt dann plötzlich die Läuferin aus Berlin. Magenprobleme, Übelkeit. Hier irgendwo im nirgendwo kann sie nicht sitzen bleiben. Ich habe Bullrichsalz in meinen Erste-Hilfe Set dabei. Ich gebe ihr eine Tablette. Austausch zu ihrer Verfassung. Langsam geht es ihr besser. Von hinten kommt Stephanie, die Gewinnerin der letzten BC. Die beiden Frau kennen sich. Zu dritt laufen wir weiter. Die Frauen kommen besser in den Rhythmus. Ich muss jetzt schon kämpfen, um dranzubleiben. Zeitgleich kommen wir mit weiteren Läufern an VP Jagdkopf (km 53,8) an.
Meine Kalorienzufuhr ist noch voll im Plan, auch die Durchlaufzeit sind noch ok. Alles noch machbar – denke ich - ich bis jetzt! Und dann? Genau 100 m hinter der dem VP beginnt der „Schnee“. Es ist minus 6 Grad der Schnee ist festgefroren. An den Tagen zuvor aber Tauwetter. Da hatten sich nur wenige Spaziergänger auf diesen Streckenabschnitt verirrt und tiefe Trittspuren hinterlassen. Die Schneedecke trägt mich nicht. Ich breche durch Harschschnee. Das ist nicht nur schmerzhaft, sondern auch unmöglich so vorwärtszukommen. Also suche ich die alten, hartgefroren Spuren der Vortage und kämpfe mich schwankend durch den Harschschnee. Die Passage ist nicht zu lang aber auch die weiteren 15 km sind -für mich- extrem fordernd. Auf den häufigen begangenen Wanderwegen ist der Schnee platter getrampelt, die Spurten sind weiterhin hartgefroren, aber nicht mehr so tief. Dennoch ein Wanken und Schwanken mit schmerzenden Fußgelenken. Je weiter es Richtung Brocken geht, umso mehr Menschen waren an den Vortagen auf den Wegen unterwegs und umso planierter ist die Strecke. Ab Oderbrück, also die letzten 7,5 km steil hinauf auf den Brocken, ist der Untergrund -für mich- dann ok. Mein Tempo auf den Schlussanstieg ist wieder konkurrenzfähig.
Auf den 20 Kilometern davor, war ich viel zu langsam. Die Läuferin aus Berlin und die Vorjahressiegerin haben mir hier über 40 Minuten Zeit abgenommen. Die sehr leichten Läufer hatten tatsächlich einen Vorteil, da sie nicht durch den verharschten Schnee brachen. Dennoch wurde ich auf dieser Passage auch von vielen Läufern überholt, die einfach lockerer und dynamischer über diesen speziellen Untergrund sprangen.
20 km Kampf und wandern statt Laufen. Meine Performance war schlecht. Wie ging es mir? Die Vorbereitung auf die BC war nicht perfekt. Mir fehlten lange Läufe. Im Januar war ich ein paar Tage erkältet und am Wochenende vor der BC musste ich leider zu einem traurigen Anlass nach Göttingen. Eine Bestzeit oder gar eine bestimmte Platzierung war nicht mein Ziel, dennoch wollte ich einen guten Lauf absolvieren. Und gut war mein Wettkampf auf der zweiten Hälfe (mal wieder) nicht. Und dennoch, mein Mindset war erstaunlich „hell“. Quälerei? Ja, aber ich nahm sie an. Ist halt so. Mach das Beste daraus. Mit Frust kommst du auch nicht schneller an Ziel – oder doch? War ich zu weich? Zu wenig ehrgeizig? Darf man, darf ich, zufrieden sein - bei dieser Leistung? Ich war zufrieden. Der Harz war weiß, die Bäume wunderschön mit Raureif überzogen, ich hatte perfekte Klamotten an. Martin war als wichtige Stütze bei weiteren VPs da. Keine Magenprobleme. Ankommen, war jetzt das Ziel und das ich das diesmal durchziehe, da bestand zu keiner Sekunde ein Zweifel. Die Freude auf die Dusche im Ziel, die leckere Verpflegung auf dem Brocken, ausruhen, auf Kai warten. Alles schön.
Nach 9 Stunden und 38 Minuten konnte Martin mich auf den Brockengipfel abklatschen. Am Ende hatte es (nur) zu Rang 27 gereicht. Ich war zufrieden.
Und Kai? Er kam fast euphorisch ins Ziel. Auch er war total zufrieden mit seiner Challenge. Was für ein schönes Gemeinschaftserlebnis. Hier oben und auch davor. Die gemeinsame Anreise mit Kai, der Support von Martin und natürlich die EINZIGARTIGE persönliche Organisation der BC. Die Stimmung an den VPs, die Haltung der Helfer – wirklich einzigartig und etwas ganz Besonderes. Danke liebes Orga-Team!
Nach einer Erholungspause und ordentlich Stärkung sind Kai, Martin und ich dann wieder durch den wundervollen nächtlichen Winterwald hinunter nach Oderbrück gewandert. Deutlich langsamer als zuvor bergauf.
Liebe BC – du schaffst mich! Aber noch bin ich nicht fertig. Du wirst mich nicht los. Im nächsten Jahr – da rocke ich auch die letzten 40 km.




