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von Martin

Schon bei meinem ersten Rennen in der Schweiz, dem Engadiner Radmarathon in 2010, hörte ich von dem in Scuol/ Kanton Graubünden stattfindenden Nationalpark MTB-Marathon.
Da ich in diesem Jahr für ein schweizer Team auf einem schweizer Bike fahre, wagte ich die Anmeldung zu diesem Großevent, bei dem auch die Schweizer Meisterschaft im MTB-Marathon ausgetragen wurde.
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Auf 137 km mussten knapp über 4000 Hm bewältigt werden, verteilt auf vier größere und unzählig viele kleine Anstiege. Nach einer neutralisierten Ortsdurchfahrt durch Scuol startete die Strecke mit einem 22 km langen Anstieg, wobei ca. 1000 Hm auf über 2200 m.ü.M. bewältigt werden mussten.
Hauptsächlich bewegt man sich bei diesem Rennen auf Schotterwegen, aber auch Singletrails und kurze Asphaltabschnitte sind dabei. Der erste Anstieg endete in einem Hochtal mit freilaufenen Kühen und Pferden und einer Gebirgslandschaft, die eigentlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.
Auf dem Weg zum zweiten Anstieg, der wieder auf über 2200 m.ü.M. ging, querte man den Ofenpass und fuhr ein Stück durch das herrliche Val Müstair/Engadin. Im zweiten Anstieg machten sich bei mir erste Probleme bemerkbar. Wie schon im ersten Anstieg merkte ich, dass die Herzfrequenz und die Wattzahlen meines Powermeters nicht wirklich zueinander passten. Die Wattzahlen waren für die Herzfrequenz zu niedrig, was wohl an der Höhe und der damit einhergehenden Verminderung des Sauerstoffanteils der Luft lag. Dieses Phänomen hatte ich in den Alpen schon einmal verspürt, aber noch nie so arg wie an diesem Tag. Leider brach auch eine ältere Verletzung im Oberschenkel wieder auf, so dass ich nur sehr dosiert beschleunigen konnte und nicht die volle Kraft aufs Pedal bekam.sportograf-106746937 lowres
Die Abfahrt von der zweiten Bergwertung war ein kilometerlanger Singletrail entlang eines Flusses, ein Traum für jeden Mountainbiker. Erholung bietet eine solche Abfahrt natürlich nicht, die Konzentration und das Steuern des Bikes im Renntempo sind annähernd so kraftraubend wie die Aufstiege.
Am Ende des Trails erreichte man den „Lago die S.Giacomo di Fraele", einen wunderschönen See auf über 1900 m.ü.M., der zum Verweilen einlud, von den Fahrern aber nur kurz in Augenschein genommen werden konnte.
Direkt nach der Staumauer bog der Weg in einen Pass ab, der auf dem Höhenprofil ganz unscheinbar aussieht und auf 4,8 km Länge „nur" 334 Hm überwindet. Die Rampen, die sich mit flacheren Passagen ablösten, hatten es allerdings in sich, nicht selten waren zweistellige Steigungsprozente zu bewältigen. Nun folgte eine schnelle Abfahrt nach Livignio, wo der See halb umrundet werden musste.
Alle Fahrer verpflegten sich reichlich an der dortigen Raststation, denn nun sollte das Highlight des Rennens folgen. Zunächst ging es leicht ansteigend aus Livignio raus ins Valle di Federia. Schnell kamen ein paar kurze steile Rampen hinzu und man erreicht den Fuß des Chaschauna Passes auf ca. 2000 m.ü.M.
Im Vorfeld hatte man mir erzählt, dass dort nur die Profis und eine handvoll Amateure fahren würden, der Großteil des Feldes würde schieben, oder wie man in der Schweiz sagt: „Das Velo stoßen". Der Pass zweigt rechts vom Weg ab und ich traute meinen Augen kaum, als sich vor mir eine Wand fast senkrecht gen Himmel erstreckte. Wie an einer Perlenschnur aufgreiht schoben alle Biker ihr Sportgerät. Mutig oder vielleicht auch leichtsinnig stieg ich nicht ab und kurbelte im ersten Gang ca. 200 m mit unter 5 km/h in den Pass hinein. Dann war Schluss, ich konnte die Kurbel einfach nicht mehr drehen! Also schob ich auch, was mit Radschuhen auf losem Untergrund bei 20-30% Steigung teilweise sehr schmerzhaft ist.

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Zwischenzeitlich nutze ich Passagen mit „nur" 10-20% Steigung aus, um noch mal einige Meter zu fahren. Der Chaschauna Pass überwindet auf 3 km Länge 600 Hm, natürlich unbefestigter Weg! Auf so etwas kann man sich hier in Norddeutschland nicht vorbereiten, kein Wunder, dass ca. 90% der Teilnehmer aus der Schweiz und der Alpenregion kommen. Es schloss sich ein Downhill an, der technisch einiges von den Fahrern abverlangte. 
Über etliche kleine Orte des Engadins und unzählige kürzere Steigungen, auf 55 km waren noch einmal über 1000 Hm zu bewältigen, ging es zurück nach Scuol. Ich konnte an einigen Stellen recht gut Tempo bolzen und überholte auch noch andere Fahrer.
An den Verpflegungsstellen bot sich leider immer dasselbe Bild. Es gab Riegel, Obst, Kuchen, Gels und allerlei andere süße Dinge, leider komme ich damit im Wettkampf nicht so gut zurecht. Zum Glück gab es immer auch etwas trocken Brot und Buillon, was ich zusammen mit Gels zu mir nahm und so knapp den Ausfall des Magens verhindern konnte. Nach 8:23h erreichte ich das Ziel, total entkräftet und unter Schmerzen, denn mein Oberschenkel signalisierte mir auf den letzten 20km bei jeder Pedalumdrehung dass er jetzt gern aufhören und vom Rad steigen würde.
Meine Zeit reichte für eine Plazierung ziemlich genau im Mittelfeld der Konkurrenz. Damit bin ich zufrieden, denn dieses Rennen ist etwas für echte Bergfahrer, also Athleten, die eher sehr leicht sind oder zumindest viele viele Watt pro Kilogramm Körpergewicht aufbringen können. Ich denke nicht, dass ich im nächsten Jahr wieder dort starten werde. Um mich auf dieser Strecke deutlich zu verbessern, müsste ich mein Trainingspensum deutlich steigern, mein Körpergewicht deutlich reduzieren und viel mehr Trainings in den Bergen absolvieren. In Summe ein bisschen zu viel momentan.

   
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